Mit einem Trommelrevolver bewaffnet stand die blonde Frau mit den besonders betonten Backenknochen und ihrem weißen Knautschlackmantel auf dem Tresen und beschattete die Bankangestellten, während Kuhn das Geld einsackte, Otto die Bankkunden in Schach hielt und Heißler draußen im Fluchtauto wartete.
So beschreibt Das große Verbrecherlexikon den Überfall auf die Münchener Hypotheken- und Wechselbank. Es ist Freitag, der 13. April 1971.
Der Banküberfall ist ein doppelter Skandal: Zum einen wird er einer linken bewaffneten Gruppe, den Tupamaros München, zugeschrieben. Zum anderen spielt eine Frau die Hauptrolle und sprengt damit die gängigen Geschlechterrollen. Als Banklady der Revolution geht sie in die Schlagzeilen ein.
Margit Czenki, gelernte Kindergärtnerin, kommt Ende 1968 nach München, mitten in die brodelnde Stimmung der Studenten- und Jugendrevolte. Die Bayernmetropole zeichnet sich durch ein unerwartetes Zusammenspiel von künstlerischer Avantgarde und linker Politik, Boheme und Subkultur aus. Radikalisierungsprozesse laufen rasch ab. Ausbruch aus der bürgerlichen Ehe, Marx-Schulungen, Demonstrationen, Leben in der High-Fish-Kommune, Politikstudium, im Keller Schlagzeugspielen mit den Amon Düüls, Gründung des ersten antiautoritären Kinderladens der Stadt.
Geld für die politische Arbeit fehlt an allen Ecken und Enden. Der Gedanke reift, es sich dort zu holen, wo es liegt. Der Schritt, der die Rückkehr in eine bürgerliche Existenz unmöglich macht, ist auch eine Probe. Ein Schritt nach Vorne, ins Unbekannte, um herauszufinden, was möglich ist und was nicht. Die Militanz ist noch experimentell, nicht strategisch festgezurrt.
Ein dummer Zufall kommt dazwischen: Ein Polizeibeamter in Zivil, der die Bank ausgerechnet über die Vorbeugung von Überfällen beraten wollte, wird Zeuge der Aktion und nimmt die Verfolgung auf. Roland Otto und Karl-Heinz Kuhn werden verhaftet. Margit Czenki und Rolf Heißler können mit dem Geld zunächst entkommen, werden nach wochenlanger Fahndung aber im Juni 1971 in München festgenommen und später zu sechseinhalb bzw. acht Jahren Gefängnis verurteilt.
Margit Czenki, die sich vor Gericht zu der Enteignungsaktion als antikapitalistischer Praxis bekannt hatte, ist damit auf ein Image festgelegt, mit dem sie lange Zeit zu kämpfen hat. Die "blonde Banklady" wird zu einem Klischee, über das sich die Presse für den Bruch mit der traditionellen Frauenrolle rächt. Die Sexualisierung des Bildes der weiblichen Täterin, die einer symbolischen Unterwerfung gleichkommt, ist so offen, dass sich Aufklärungspapst Oswalt Kolle in der Jasmin zu einem zaghaft-kritischen Kommentar genötigt sieht. Aber auch die Heroisierung durch die Linke erweist sich als Falle. Der Bankraub, der eine Aktion unter anderen war, wird zum Markenzeichen und die Vielfältigkeit der Revolte auf ein Merkmal reduziert.
Rebellion bleibt die einzige Zuflucht auch im Frauenknast Aichach, wo Knastleiter Schröder ein wilhelminisches Regiment führt. Mehrere Male landet Margit Czenki im Bunker, wird vom - männlichen - Rollkommando zusammengeschlagen. Feministische Literatur wird beschlagnahmt, jede Form der Zuneigung zwischen den Frauen geahndet. Gemeinsam mit anderen sozialen Gefangenen wehrt sie sich gegen die Haftbedingungen, tritt in den Hungerstreik. Banklady im Hungerstreik für lesbische Liebe titelt die Regenbogenpresse.
Weihnachten 1975 wird sie auf Bewährung aus der Haft entlassen und arbeitet in der Folgezeit in Projekten wie dem Frauenbuchladen, bei der alternativen Stadtzeitung Das Blatt und einem Schülerladen mit. Gleichzeitig muss sie sich ständiger Drangsalierungen erwehren: Sie, ihre Freunde und Familie werden polizeilich observiert. Ihr geschiedener Ehemann unterbindet den Kontakt zu ihrem Sohn Carol. Monatliche Hausdurchsuchungen führen zur Kündigung der Wohnung. Alles zusammen ein Alptraum. Ziel scheint zu sein, sie wieder in den Knast zu bringen oder zum Abtauchen in den Untergrund zu provozieren.
Verschiedene Filmemacher versuchen ihre "Story" einzufangen. Der Bankraub dient Margarethe von Trotta schließlich als lockere Vorlage für Das zweite Erwachen der Christa Klages. Margit Czenki beschließt ihre Geschichte selbst zu erzählen: vom Knast her, mit dem Blick von innen.
Das ist meine Zeit, die will ich nicht absitzen, die will ich leben
lässt sie Pola Kinski in ihrem ersten eigenen Spielfilm "Komplizinnen" sagen. Weitere Filme folgen ("Swingpfennig/Deutschmark" 1994, "Park Fiction" 1999). Dazwischen liegen zahlreiche Regieassistenzen, die Gründung des Frauenfilmarchivs und des Kinderhauses am Pinnasberg. Mitarbeit beim Antirassistischen Telefon und den Wohlfahrtsausschüssen. Margit Czenki wohnt heute in Hamburg, wo sie zuletzt eine Filmreihe betreute, die Teil der Initiative
das weite suchen.
die letzten 6 gefangenen aus der RAF müssen raus!
bedingungslos.
basta!
ist. Einer der sechs heißt Rolf Heißler.
Theo Bruns / Angela Habersetzer